Als Faust oder der Doktor Faustus in der siebten Klasse waren

`Ein sinn und gedankenvolles Abschreiben ist in der Tat eine ebenso intense und zeitvertreibende Beschäftigung wie das Niederlegen eigener Gedanken.` (Doktor Faustus S.341)

Liese wurde nicht beim abschreiben erwischt.
Liese ist 14 Jahre alt und eine durchschnittliche, mittelhohe, grünäugige Schülerin des deutschen Gymnasiums `Joseph Haltrich` aus Schässburg. In diesem Alter ist das Lernen schon uncool geworden. Die Mädchen in ihrer Klasse haben Boyfriends, die ihnen Cola und Eis kaufen und mit denen sie am Freitag Abend, in kurzen Röcken gekleidet, in die Babydisco gehen. Eigentlich mag sie den Christian aus ihrer Klasse ganz gut, aber mit ihm ausgehen das kann sie sich nicht richtig vorstellen. Ausserdem kann sie uberhaupt keine kurzen Röcklein tragen wie die anderen, weil ihre Beine etwas zu dick sind und sie etwas plump darin aussehen würde. Lieber besucht sie regelmässig die Oma, wo sie stundenlang, im Hof, auf der grünen Bank sitzen kann und Bücher lesen, die für ihr Alter etwas kompliziert sind.

Nun , das ist die Sache mit Liese. Da sie ein uncooler Lesewurm ist könnte sie unmöglich in Erdkunde abschreiben , wie es die meisten Kollegen schon ganz geschickt machen. Liese wurde nicht beim Abschreiben erwischt einfach weil sie nie abgeschrieben hat und nie abschreiben wird. Man hat vergebens versucht sie zu überreden, dass die Tatsache dass die Donau im Schwarzwald entspringt nun keine Neuigkeit ist unde es ist völlig in Ordnung etwas derartiges abzuschreiben.

Das haben bis vor kurzem alle von Liese gehalten, aber warten wir es ab wie die Geschichte weiter geht.

Eines Tages erhalten Lieses Eltern einen Brief aus de Schule. Darin den Aufsatz den Liese in Deutsch geschrieben hatte mit einem roten Stempel darauf: `Abgeschrieben`. Mutter lacht. Sie kann sich nicht vorstellen wie man überhaupt auf der Idee kommen kann einen Aufsatz abzuschreiben. Auf der Arbeit hat auch der Lehrer etwas hingekritzelt.

Dieser behauptet empört dass Liese offensichtlich Thomas Mann und Goethes Faust gelesen hatte und der Aufsatz sei stark von diesen etwas zu komplizierten Lektüren für ein 14 jähriges Kind geprägt. Er hätte ja nichts dagegen dass das Kind liest, aber man sollte trotzdem versuchen ein wenig Abstand von dem Gelesenen zu nehmen und eine eigene Idee, auch wenn sie etwas kindisch erscheint im Vergleich zu dem Gelesenen, auf dem Blatt zu bringen. Ausserdem hatte ein anderes Kind aus der Klasse ein ähnliches Werk zustande gebracht, in einem nicht so gewählten Deutsch, aber das Leitmotiv des Aufsatzes war derselbe.

Die Hauptidee Lieses Arbeit war folgende:
Sie schreibt aus dem Gesichtspunkt einer erwachsene Frau, die allein eine Wohnung in Leipzig hat. Diese führt ein sehr einsames Leben, ist ständig in Lektüren vertieft und in der Nacht reist sie durch Raum und Zeit, in den All und ihr werden alle Geheimnisse des Universums offenbart. Dieses wird von ihrem düsteren, stillen Begleiter ermöglicht, der sie dann jeden Morgen zurück in ihrem Bett bringt, als sei nichts geschehen. (Es könnte der Herr `dicis et non facis` sein?) Ziel der Fahrten ist Inspiration zu sammeln für ein Werk, dass niemand zuvor komponiert hat. Da wird nichts genaueres gesagt, ob das ein Musikstück oder ein literarisches Werk in vier Bänden sein soll. Da schreibt sie auch sie hätte genug von der kindischen Alchemie und möchte endlich die Wahrheit erfahren, und ein echtes Typ Gold durch ihr Werk schaffen. Der Teufelspackt wird nicht sehr genau erläutert. Der nächtliche Begleiter scheint alles kostenlos zu machen als ob es ein Geliebter wäre, der seinem Schatz die Sterne zeigt.

Wie man sehen kann hat der Lehrer die Sachen etwas übertrieben. Die Ähnlichkeit mit dem Faust Stoff wäre gar nicht einmal so augenkratzend gewese wenn Liese in den letzten zwei Wochen nicht ständig beim Lesen von Doktor Faustus wärend der Schulzeit ertappt worden wäre. Diese Sache hat besonders den Deutschlehrer wahnsinnig gemacht, denn er würde auch lieber Thomas Mann und Goethe unterrichten als den Stoff für die siebte Klasse. Ausserdem gibt sich dieser auch recht viel Mühe seine Schüler nicht zum Tode zu langweilen. Da er die Aufmerksamkeit einer aufgeweckten jungen Dame wie Liese verloren hat, war er nicht sehr erfreut darüber und hat es als persönlichen Misserfolg genommen.

Nun zur Erklährung des Aufsatzes und somit der ganzen Geschichte:

Da der Aufsatz zum Thema `Was ich einmal weden will` sein sollte, passte das prächtig zu der Zukunft die Liese sich erträumt hatte und über der sie neulich mit Paula geplaudert hatte. Sie möchte nach Leipzig, weil ihr Onkel dort wohnt, und weil sie sich dort stets wohl fühlt bei ihm. Ein dem Studium gewidmetes Leben will sie auf jeden Fall haben, womöglich Literatur unterrichten im Lyzeum oder sogar auf der Universität. Seit einigen Monaten hat sie auch angefangen kurze Prosastücke statt ihres langweiligen Tagebuchs zu schreiben. Noch will sie diese keiner Menschenseele zeigen, denn sie ahnt wie kindisch und stillos sie sind. Aber nachdem sie einen Artikel in Mutters Zeitschrift über Alchemie gelesen hat, glaubt sie dass es noch Hoffnung für sie gibt. Sie will ihre schreibweise durch Feuer und Flamme bringen, damit sie schneller reift und einen persönlichen, einmaligen Glanz erwirbt… wie Gold.

Nun zu dem nächtlichen Begleiter. Wie jedes Mädchen träumt sie von einer Liebe, die sie schweben lässt und dem Universum einen Sinn gibt. Es sollte ein geheimnissvoller Typ sein, der viel mehr als sie weiss, und der ihre Inspiration sein soll.
Den Doktor Faustus hat sie in der Tat etwas zu viel gemocht. Von diesem hat sie die Idee des Grandiösen, die monumentale Grösse ihres zukünftigen Werkes.

Ausserdem hat sie ihrer Freundin Paula ganz begeistert darüber erzählt über den Teufelspackt hier, und seitdem träumt diese jede Nacht dass sie der Täufel hole kommt. Natürlich hat sie auch ein wenig darüber in ihrem Aufsatz geschrieben und somit konnte der Lehrer behaupten sie benutze denselben Leitmotiv wie Liese.

Der Fall ist klar jetzt.
Nutzlos zu sagen, dass mir die erwähnte Lektüre auch ziemlich am Herz gewachsen ist…

(Sommer 2007)

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