Diagnose: Stau

Sonderpreis, DAAD Literaturwettbewerb May 2008.

Mir träumt es, wie gewöhnlich, dass ich zu Hause bin in meiner kleinen Stadt an der Kockel. Es ist ein heller Frühlingstag und ich will ins Freie. Ich schaue zum Fenster hinaus und sehe die Tannen, den blauen Himmel und kleine weisse Wolken, die, vom Wind getrieben, vor meinen Augen rasen. Wo aber die Tür sein sollte, steht jetzt ein Spiegel. Nichts wundert mich wirklich im Traum, aber ich muss doch bemerken, dass ich mein Ebenbild nicht erkennen kann. Ich weiss genau wie ich aussehen muss. Ich trage meine ewigen Jeans und einen schwarzen T-shirt, mein schwarzes Haar steht wie üblich ungekämmt auf meine Schultern und meine kleinen Hände ruhen in den weiten Taschen meiner Jeans. Der Spiegel muss kaputt sein, denn anstelle des beschriebenen Bildes sehe ich nur ein stilles, dunkles Wasser. Es sieht tief aus. Mit dem Finger an den Spiegel anzuklopfen hilft mir auch nicht weiter, das Wasser geht nicht weg und die alte Tür ist nirgends zu finden. Ich will raus, aber das Wasser fesselt mich. Da denke ich mir ”über Nacht ist das Wasser hier wunderbarer Weise nicht gewachsen, es muss daher irgendwo ein Stau entstanden sein, dass es nicht abfliessen kann ”.

Der nächste Morgen. Es ist zwar Frühling, aber mein Zimmer hat eine Tür und ich muss schnell durch, sonst verspäte ich mich zur Arbeit. Mit Anzug und Stiefeln angezogen und die Laptoptasche in der Hand stapfe ich durch den Verkehr der Großstadt, die mich beherbergt. Die Jeans und die entzückende Kleinstadt bleiben zurück im Traum und nichts in meiner Umgebung ist ihr ähnlich. Im Verkehr finde ich wieder den Stau als Leitmotiv. Um mich höre ich Hupen und Gebrüll. Ich kann nicht tief einatmen, denn die Luft ist ein erstickender Dreck. Es fühlt sich jeden Morgen wie ein Ertrinken an. Da denke ich mir „irgendwo hat jemand eine falsche Entscheidung getroffen, da ich hier im Stau sitze und nicht weiss was ich soll.”

Nun zurück zum Traum. Nicht dass ich an Traumdeutung glauben würde, aber das totstille Wasser hat was zu sagen über die Vitalität und die Lebensfreude, die mich in letzter Zeit charakterisiert (eher gesagt nicht charakterisiert).  Nicht dass ich was von Traumdeutung wüsste, aber mich erinnerts an meiner Oma, die immer aus solchen Sachen ausschliessend wusste, wie mein Tag laufen würde. Wenn man Katzen träumt, wird man mit jemandem streiten, wenn man badet oder an einem Wasser ist, dann heisst es Glück und Wohlhaben, aber nur wenn das Wasser klar ist. Ist das Wasser dunkel und still wie in einem Stau, dann heisst es Krankheit. Da denke ich mir „erkranken werde ich, falls ich den Korken nicht finde, der das Wasser im Stau hält wie den Wein in die Flasche”.

Es kann die Rede sein über die Entscheidung, die jemand getroffen hat, voreilig im Verkehr zu bremsen, und wegen dieser Überreaktion ist ein sogenannter „Stau aus dem Nichts” entstanden. Laut dem Nagel-Streckenberg-Modell ist der Verursacher des Staus nicht davon betroffen sondern nur die Fahrer, die eine ganze Strecke hinter ihm sind. Als Schlussfolgerung: man sitzt nie im eigenen Stau sondern immer in dem eines anderen, also niemand, der im Stau sitzt, hat die Schuld dafür zu tragen. Es hat keinen Sinn zu fluchen. Da denke ich mir „was hat diese Chaostheorie zu bedeuten ?”

Auf meinem Stirn tauchen feine Linien der Unzufriedenheit auf. So ein Zeitverlust dieser Stau. Das Leben lebt mich und nicht umgekehrt, mein ganzes Leben scheint in einem Stau geraten zu sein. Heute will ich diese Stadt nicht, und sie scheint mich auch nicht zu wollen, denn sie macht alles was sie kann, um mich daran zu hindern mein Ziel zu erreichen. Nun bin ich wirklich nicht schuld dafür, dass mein Leben in einem Stau festsitzt ? Wahrscheinlich bin ich es doch. Etwas habe ich irgendwo falsch gemacht. Sind es immer andere, die mich zwingen Sachen zu tun ? Am liebsten tue ich doch nur das was ich will. Bin ich schwach ? Vielleicht, weil ich es mag mich gezwungen zu fühlen.

Nun eine Zusammenfassung:

Was ich träume ist das Produkt meines Alltags und der Sachen, die um mich stattfinden. Probleme, die am Tag keine Lösung haben, werden nachts ein tiefes Wasser im Stau, dass meinen Weg bremst. Im Wasser kann man ertrinken. Nachts ersticke ich im Wasser, denn tagsüber habe ich keine frische Luft zum einatmen und muss im Verkehrsstau zergehen. Langsam bin ich trüb geworden und war zu beschäftigt um es zu bemerken.

Stört mich der Stau, so kann ich gehen oder fliegen. Am besten laufe ich davon in einem Land mit wenigeren Bewohnern, in einem Hügelland mit dicken, unbewohnten Wäldern und mit Leuten, die es nie eilig haben. Wenn das nicht geht, dann kann ich mich verkriechen in meinem Bett, einem Wurmloch oder am besten in dem Bau eines Kaninchens. Dort kann ich vielleicht ein Wunderland finden, in dem es nicht nötig ist erwachsen und verantwortlich zu sein. Ich könnte ein neues Land entdecken, wo die Zeit mal langsam, mall schnell vorbeiläuft, und die manchmal mit leckeren Kuchen überzeugt werden kann still zu stehen.

Wenn ich zu müde werde ich zu sein, dann kann ich Wasser werden und langsam ins Ozean fliessen. Es würde keine Rolle spielen, wenn ich Wasser im Stau wäre. Den Korken zieht man, und man trinkt den süßen Wein . Wasser ist stark, und es findet immer einen Weg zu zerrinnen . Wasser hat keine Form und kein Zuhause, und mit der Zeit wird es den Stau zerstören, und nach eigenem Willen wegfliessen. Es gäbe dann keinen Stau mehr, und ich wäre ein freies, blaues Wasser. Dann könnte ich auf und abwärts der Hügel fliessen, aber auch auf und abwärts der Zeit. Das hört sich gut an. Ich glaube ich würde am liebsten zurück zu meiner Quelle fliessen, zurück ins Gebirge, und würde dort in den Boden gesickert bleiben.

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